Wenn Brücken abbrechen - Mut zur Trauer

Wenn Brücken abbrechen – Mut zur Trauer

Der Mensch braucht die Trauer!

Wir wissen, dass es schwer ist, Trauer zu verarbeiten oder dem anderen dabei zu helfen. Trauer überfällt uns nicht nur beim Tod eines geliebten Menschen, sondern in vielen anderen Zusammenhängen. Ein Abgrund tut sich auf, über den keine Brücke zu führen scheint. Wird es dem, der traurig ist, gelingen, mit seiner Trauer fertig zu werden, sie hinter sich zu lassen und wieder mutig mitten im Leben zu stehen? der Trauernde lernt durch das Aushalten der eigenen Trauer ein Seelsorger zu werden – eine Aufgabe, die jedem Menschen immer wieder gestellt ist. Viele brauchen Hilfe in ihrer Trauer. Frau Lily Pincus, eine Trauerforscherin der Gegenwart, sagt: „ Der Mensch braucht die Trauer als Antwort auf den erlittenen Verlust; wenn man ihm die Reaktion versagt wird er leiden müssen, psychologisch, physisch oder beides.“ - Der Mensch braucht die Trauer! Ich sehe in diesem Wort nicht nur eine Mahnung, sondern auch eine Ermutigung. Du darfst beanspruchen, Du darfst nehmen, Du darfst Dir gönnen, was Du brauchst. Du hast ein Recht auf diese Zeit.

Ein Sterbender an seinen Begleiter :

  1. Lass nicht zu, dass ich in den letzten Augenblicken entwürdigt werde. Das heißt, lass mich, wenn es irgend einzurichten ist, in der vertrauten Umgebung sterben. Das ist schwer für dich. Aber es wird dich bereichern. Sterbebegleiter zu sein.
  2. Bleibe bei mir, wenn mich jetzt Zorn, Angst, Traurigkeit und Verzweiflung heimsuchen. Hilf mir, zum Frieden hindurchzugelangen.
  3. Denke dann nicht, wenn es soweit ist und du hier ratlos an meinem Bett sitzt, dass ich tot sei. Das Leben dauert länger als die Ärzte es sagen. Der Übergang ist langwieriger, als wir bisher wussten. Ich höre alles, was du sprichst, auch wenn ich schweige und meine Augen gebrochen scheinen. Drum sag jetzt nicht irgendwas, sondern das Richtige. Du beleidigst nicht mich, sondern dich selbst, wenn du jetzt mit deinen freunden erörterst und mir zeigst, dass du in Wahrheit nicht mich, sondern dich selbst bedauerst, wenn du nun zu trauern beginnst. So vieles, fast alles ist jetzt nicht mehr wichtig.
  4. Das Richtige, was du mir jetzt sagen möchtest, wenn ich dich auch nicht mehr darum bitten kann, wäre zum ersten das, was es mir nicht schwer, sondern leichter macht, mich zu trennen. Denn das muss ich. Ich wusste es auch längst, bevor du oder der Arzt es mir mit euren Worten eröffnet hattet. Also sag es mir, dass ihr ohne mich fertig werdet. Zeig mir den Mut, der sich abfindet, nicht den haltlosen Schmerz. Mitleid ist nicht angebracht. Jetzt leide ich nicht mehr. Sag mir, dass du das oder das mit den Kindern vorhast und wie du dein Leben ohne mich einrichten wirst. Glaub nicht, es sei herzlos, das jetzt zu erörtern. Es macht mich frei.
  5. Ich höre, obwohl ich schweigen muss und nun auch schweigen will. Halte meine Hand. Ich will es mit der Hand sagen. Wisch mir den Schweiß von der Stirn.                Streich mir die Decke glatt. Bleibe bei mir. Wir sind miteinander verbunden. Das ist das eigentliche Sakrament des Sterbestandes. Wenn nur noch die Zeichen sprechen können . . ., so lass sie sprechen.
  6. Morgen, wenn sie dich nicht mehr allein lassen mit mir, sorge dafür, dass der Ton dieser Stunde zwischen uns nicht verloren geht. Lass die ehrenden Worte auf der Anzeige, den Aufwand auf dem Friedhof. Das alles erreicht mich nicht mehr.
  7. Und wenn dir mein Sterben ferner und ferner rückt, die letzten Kondolenzen beantwortet sind und du, wie es jedermann erwartet, in Trauer zurückfallen sollst, so wehre dich mit aller Kraft. Das viele Trauern in der Welt ist nur die andere Seite unseres Unglaubens, und das schlimmste ist, dass gerade die meisten Christen Ernst mit Traurigkeit verwechseln und von der Sonne singen, ohne sie zu leben.

Nimm mit dir mit, was wir zusammen erlebt haben, als ein kostbares Vermächtnis. Lass mein Sterben dein Gewinn sein. Leb dein Leben fortan ein wenig bewusster als dein Leben vor dem Tod. Es wird schöner, reifer und tiefer, inniger und freudigeres Leben sein, als es zuvor war, vor meiner letzten Stunde. Denn alle Regungen der Liebe kehren zurück zu der einen, die sie entstehen ließ. Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende, der einzige Sinn.

Ihr

Bruder Nikolaj Bromberg

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